LEITFADEN · ASTROLOGISCHE SCHULEN

Uranische Astrologie: die Hamburger Schule und hypothetische Planeten

Oleg Kopachovets

Verfasst von

Oleg Kopachovets
13 Min. Lesezeit
Detailliertes flaches Vektordiagramm eines 360-Grad-Zifferblatts der Uranischen Astrologie, mit einem markierten Zeiger auf einer 90-Grad-Halbsummenachse.

Astrolium betrachtet die Uranische Astrologie als das technisch präziseste und gleichzeitig am häufigsten abgetane System des 20. Jahrhunderts. Die Hamburger Schule baute ihre Methode auf drei Elementen auf, die die klassische Astrologie entweder kaum nutzt oder gänzlich meidet: Halbsummen, das 90-Grad-Zifferblatt und 8 hypothetische Planeten, deren Existenz als physische Himmelskörper nie bestätigt wurde. Wer ernsthaft mit dem System arbeitet, berichtet dennoch von einer Präzision im Horoskoplesen, die das klassische Aspektraster nicht erreicht.

Das System ist klein, anspruchsvoll und in sich geschlossen. Nutzen Sie den Halbsummen-Rechner, um die persönlichen Halbsummen (Sonne/Mond, AS/MC) für jedes Horoskop zu berechnen, und lesen Sie dann diesen Leitfaden zur Hamburger Methode weiter.

Die Uranische Astrologie, auch Hamburger Schule genannt, ist das natale System des 20. Jahrhunderts, entwickelt vom Hamburger Landvermesser Alfred Witte (1878–1941) und seinem Mitarbeiter Friedrich Sieggrun ab etwa 1913. Es erschließt Horoskope durch drei technische Elemente, die die klassische Astrologie kaum oder gar nicht einsetzt: Halbsummen (der Grad genau zwischen zwei Planeten), das 90-Grad-Zifferblatt (das alle harten Aspekte auf eine Achse verdichtet) und 8 hypothetische Planeten (Cupido, Hades, Zeus, Kronos, Apollon, Admetos, Vulkanus, Poseidon), die Witte und Sieggrun empirisch aus Horoskopmustern ableiteten, die die bekannten Planeten nicht erklärten. Interpretationseinheit ist das Planetenbild: drei Punkte in Halbsummen-Beziehung, gelesen als kompakte Formel. Den Witte-Verlag gründete Ludwig Rudolph 1925; er verlegt Regeln für Planetenbilder bis heute. Reinhold Ebertins Kosmobiologie (ab 1928) übernahm die Halbsummentechnik, strich aber die acht Hypothetischen. Witte starb 1941; die Methode überlebte durch Rudolphs privaten Druck und durch Schüler, die sie in die USA und nach Lateinamerika trugen. Astroliums Halbsummen-Rechner ermittelt die persönlichen Halbsummen wie Sonne/Mond und AS/MC aus Ihrem Geburtshoroskop.

Ursprünge: Alfred Witte und die Hamburger Schule

Alfred Witte (1878–1941) war Hamburger Landvermesser und Amateurastrologe. Sein Beruf lag in der Geodäsie: der präzisen Winkelmessung der Erdoberfläche. Die Abhängigkeit der Uranischen Methode von exakten Halbsummen und dem 90-Grad-Zifferblatt spiegelt diesen Hintergrund unmittelbar wider. Witte begann seine astrologische Arbeit um 1913 und veröffentlichte die ersten Fassungen seines Systems in den 1920er Jahren.

Die institutionelle Struktur entstand 1925, als Ludwig Rudolph den Witte-Verlag in Hamburg als Verlag der Schule gründete. Rudolphs Sohn und Enkel führen den Verlag noch heute; Regeln für Planetenbilder (Wittes Hauptwerk) ist dort seit den späten 1920er Jahren durchgehend lieferbar. Friedrich Sieggrun (1877–1951) stieß als Hauptmitarbeiter zu Witte und ergänzte 4 der hypothetischen Planeten zu Wittes ursprünglichen 4.

Das NS-Regime unterdrückte Astrologie generell ab 1933, die Hamburger Schule besonders wegen ihrer verlegerischen Präsenz. Witte erhielt ab den späten 1930er Jahren Publikationsverbot. Er starb 1941 durch Suizid — nach allem, was bekannt ist, im Zusammenhang mit der Unterdrückung und dem politischen Druck auf Hamburgs intellektuelle Kreise. Die Schule überlebte durch Rudolphs privaten Druck und durch Schüler, die die Manuskripte in die USA und nach Lateinamerika brachten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Schule in zwei Richtungen. Reinhold Ebertin (1901–1988) hatte ab 1928 eine vereinfachte Variante namens Kosmobiologie erarbeitet. Ebertin behielt die Halbsummentechnik und das 90-Grad-Zifferblatt, strich aber die hypothetischen Planeten mit dem Argument, sie seien empirisch nicht vertretbar. Seine Kombination der Gestirneinflüsse (1940; englische Übersetzung 1972) ist das Standardwerk der Kosmobiologie und das meistzitierte Halbsummen-Buch im englischsprachigen Raum. Die vollständige Hamburger Schule mit Hypothetischen lief parallel weiter — in den USA durch Hans Niggemann und später Penelope Bertrand, in Deutschland durch die Familie Rudolph und den Brummund-Kreis.

Die Schule ist heute klein. Die meisten praktizierenden Astrologen kennen sie durch Ebertins COSI, nicht durch Witte direkt. Der vollständige Hamburger Ansatz hat weltweit vielleicht einige Hundert geschulte Praktizierende.

Die 8 hypothetischen Planeten

Die 8 uranischen Körper leiteten Witte und Sieggrun empirisch ab: Sie beobachteten Horoskopstrukturen, die die bekannten Planeten nicht erklärten, berechneten Positionen, die diese Strukturen erklären würden, und veröffentlichten die resultierenden Punkte als Planeten. Die moderne Astronomie hat kein Objekt an den publizierten Positionen bestätigt. Die Hamburger Schule behandelt sie dennoch als verlässliche Kalkulationsgrößen — ähnlich wie Mathematiker imaginäre Zahlen verwenden: nützlich, unabhängig davon, ob sie beobachtbaren Körpern entsprechen.

Die 4 Witte-Planeten (eingeführt 1920er Jahre):

  • Cupido. Familie, Kunst, die kleine Gruppe, Bündnis, Ehe als gesellschaftliche Form. Eher das ältere griechische Eros als ein romantisches Prinzip. Zu lesen an der Schnittlinie von Beziehung und Struktur.
  • Hades. Verborgenes, Verfall, Archäologie, das Unterirdische, Krankheit, die ferne Vergangenheit. Das Ausgegrabene. Häufig in Horoskopen mit Bezug zu Medizin, historischer Arbeit oder Ausgrabungen.
  • Zeus. Produktion, Zündung, kontrollierte Energie, Maschinerie, gebändigtes Feuer. Das Prinzip gerichteter Kraft. Aktiv in Horoskopen von Ingenieuren, Militäroffizieren und im industriellen Umfeld.
  • Kronos. Autorität, Meisterschaft, Führungsfunktion, höchste Kompetenz in einem Bereich, staatliche Macht. Nicht Saturn als Beschränkung, sondern Saturn als Meisterschaft. Aktiv in Horoskopen von Führungspersönlichkeiten.

Die 4 Sieggrun-Planeten (eingeführt 1920er und 1930er Jahre):

  • Apollon. Expansion, Erfolg, große Reichweite, vielfältige Verbindungen, Handel im großen Maßstab. Das Prinzip der Ausweitung.
  • Admetos. Beharrlichkeit, Fokus, Tiefe, Verengung, Rohstoffe, festgefahrene Zustände. Das Prinzip des Festhaltens an einer Sache.
  • Vulkanus. Kraft, Stärke, Intensität, die Fähigkeit zur Überlagerung. Verschieden von Mars (Behauptung) und Pluto (Transformation). Aktiv, wo rohe Stärke der entscheidende Faktor ist.
  • Poseidon. Geist, Ideologie, transzendentes Denken, Erleuchtung. Das Prinzip des Geistes jenseits physischer Bezugspunkte. Aktiv in Horoskopen von Mystikern, Theoretikern und Ideologen.

Die 8 Körper werden nach Wittes empirischen Ephemeriden berechnet, die der Witte-Verlag vertreibt und die in die meisten professionellen Astrologieprogramme integriert sind. Ihre Positionen sind deterministisch; jedes Programm mit der Hamburger Ephemeride liefert identische Ergebnisse.

Halbsummen-Bäume und Planetenbilder

Die Halbsummentechnik ist der methodische Kern des Systems — zentraler als die Hypothetischen.

Eine Halbsumme zwischen zwei Planeten ist der Grad genau in der Mitte zwischen ihnen auf dem Tierkreis. Die Halbsumme einer Sonne bei 10° Löwe und eines Mondes bei 20° Waage ist 0° Jungfrau: das arithmetische Mittel. Die Schreibweise ist Sonne/Mond, gelesen als „Sonne über Mond."

Die Halbsumme zweier Planeten gilt als sensibler Punkt im Horoskop, der die kombinierte Bedeutung beider trägt. Die Sonne/Mond-Halbsumme ist der Persönlichkeitsmittelpunkt, der in der Hamburger Praxis meistgenannte Punkt: Er repräsentiert die Integration des bewussten Ich (Sonne) und des gefühlten Ich (Mond) zur gelebten Identität. Jeder Planet innerhalb von etwa 1 Grad dieser Halbsumme aktiviert diesen Persönlichkeitskern.

Ein Halbsummen-Baum ist die vollständige Liste aller Halbsummenachsen innerhalb des Orbis eines bestimmten Horoskoppunktes. Der Baum für eine natale Venus listet jedes Planetenpaar auf, dessen Halbsumme innerhalb von 1 Grad der Venus liegt. Jeder Eintrag ist ein Planetenbild: 3 Punkte in aktiver Beziehung.

Ein Planetenbild ist die Interpretationseinheit der Uranischen Astrologie. Drei Punkte in Halbsummen-Beziehung bilden einen Satz. Saturn = Venus/Mars wird gelesen als „Saturn an der Halbsumme von Venus und Mars": Beschränkung im Beziehungs-und-Behauptungsfeld, häufig als Hemmung im erotischen Ausdruck oder in der Zeitplanung von Partnerschaftsentscheidungen. Die Bilder sind kurz, prägnant und formelhaft. Wittes Regeln für Planetenbilder verzeichnet Hunderte von Standardkombinationen mit ihren Deutungen.

Das 90-Grad-Zifferblatt ist das Kerninstrument. Das klassische 360-Grad-Horoskop wird auf 90 Grad komprimiert, sodass alle harten Aspekte (Konjunktion, Quadrat, Opposition) auf derselben Achse liegen. Das Zifferblatt wird gedreht, um jeden persönlichen Punkt der Reihe nach an die Spitze zu bringen; alles innerhalb von 1–2 Grad steht dann in hartem Aspekt zu diesem Punkt. Die Technik macht Halbsummen-Bäume schnell und visuell sichtbar — auf eine Weise, die das 360-Grad-Horoskop nicht leistet. Software repliziert das Zifferblatt mit 2 Klicks; vor dem Computer verwendete die Hamburger Praxis physische Karton-Zifferblätter.

Unterschiede zu anderen astrologischen Systemen

Gegenüber der psychologischen Astrologie. Uranische Deutungen sind kurz, formelhaft und prägnant. Ein Bild wie Saturn = Sonne/Mond wird gelesen als „Hemmung oder Begrenzung der Persönlichkeitsintegration"; die psychologische Version derselben Konstellation würde 3 Absätze füllen. Die Hamburger Schule ist nicht narrativ. Ihre Praktizierenden berichten, dass der formelhafte Stil die Quelle der Systemgenauigkeit ist — keine Einschränkung.

Gegenüber der traditionellen Astrologie. Die hellenistische und mittelalterliche Praxis ist aspektgeführt: Planet zu Planet, gewichtet nach Orbis, Zeichen und Haus. Die Uranische Praxis ist halbsummengeführt: Planet zur Halbsumme zweier anderer Planeten, auf dem 90-Grad-Zifferblatt, mit Hausstellung separat gelesen. Die Hamburger Schule nutzt das Meridian- oder Campanus-Häusersystem, wo sie Häuser überhaupt verwendet; die topische Arbeit erfolgt meist durch die Planetenbilder selbst, nicht über die Hausstellung.

Gegenüber der evolutionären Astrologie. Die Hamburger Methode beschreibt den gegenwärtigen Moment mit hoher Genauigkeit. Sie arbeitet nicht über Inkarnationen hinweg; das System kennt keine eigenständigen Konzepte von Seele, Karma oder früheren Verkörperungen. Eine uranische Deutung und eine evolutionäre Deutung desselben Horoskops liefern nicht überschneidende Informationen: Das Hamburger Bild sagt, was jetzt aktiv ist; die evolutionäre Deutung sagt, welche Seelenarbeit geleistet wird.

Gegenüber der Kosmobiologie. Ebertins Variante ist das meistgenutzte Halbsummensystem im englischsprachigen Raum — nicht zuletzt, weil Ebertin auf Deutsch publizierte und übersetzt wurde, wo Witte es nicht wurde. Kosmobiologie enthält alles, was die Hamburger Schule tut, bis auf die 8 Hypothetischen. Ein Kosmobiologe liest Saturn = Sonne/Mond genauso wie ein Hamburger Praktiker; sie unterscheiden sich nur darin, ob sie etwa Hades = Sonne/Mond als zusätzliche Schicht einbeziehen.

Wie lesen Praktizierende ein uranisches Horoskop

Das Standardvorgehen ausgebildeter Hamburger Praktizierender:

Schritt 1. Das 90-Grad-Zifferblatt mit den Radixstellungen aufbauen. Software erledigt das mit 2 Klicks; manuell dauert es 10–15 Minuten.

Schritt 2. Die persönlichen Punkte bestimmen: Aszendent, Mitternachtspunkt (MC), Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars. Der Widder-Punkt (0° Widder) gilt in der Hamburger Praxis ebenfalls als persönlicher Punkt und repräsentiert die Verbindung zur weiteren Welt.

Schritt 3. Die wichtigsten persönlichen Halbsummen berechnen: Sonne/Mond, AS/MC, Mond/Mars, Venus/Mars, Sonne/Saturn. Das sind die meistzitierten Integrationspunkte.

Schritt 4. Den Halbsummen-Baum für jeden persönlichen Punkt der Reihe nach abarbeiten. Jede Halbsummenachse innerhalb von 1 Grad auflisten (manche Praktizierende nutzen 1,5 oder 2 Grad für einen vollständigeren Baum). Jeder Eintrag ist ein Planetenbild.

Schritt 5. Hypothetische nach Bedarf der Deutung hinzufügen. Bei einer Frage zu Autorität und Karriere: Kronos einbeziehen. Bei verborgenem Material: Hades. Bei Ideologie und Überzeugung: Poseidon. Praktizierende sind uneinig, ob alle 8 Hypothetischen routinemäßig oder nur bei Bedarf einbezogen werden sollen.

Schritt 6. Transite und Progressionen direkt auf dem Zifferblatt lesen. Ein transitierender Saturn innerhalb von 1 Grad einer natalen persönlichen Halbsumme aktiviert das Bild, das diese Halbsumme repräsentiert. Das Zifferblatt macht dies unmittelbar sichtbar; das Standardhoroskop nicht.

Nutzen Sie den Halbsummen-Rechner für die persönlichen Halbsummen jedes Horoskops in 30 Sekunden. Der Harmonik-Rechner übernimmt verwandte Fortgeschrittenenarbeit für Praktizierende, die Hamburger Halbsummenarbeit mit Harmonikanalyse verbinden.

Arbeitsbeispiele für Planetenbilder

Eine kurze Auswahl von Standardbildern aus Wittes Regeln und Ebertins COSI mit ihren Deutungen. Format: Ankerplanet = Halbsumme:

Saturn = Sonne/Mond. Beschränkung oder Begrenzung der Persönlichkeitsintegration. Im Ereignishoroskop eine Erschwernis bei Ehe oder Partnerschaft. Im Radix das Gefühl, dass bewusstes und gefühltes Ich sich nicht mühelos begegnen.

Mars = Merkur/Saturn. Scharfes, strukturiertes Denken; mitunter harsche Ausdrucksweise. Ebertins Deutung schließt Ingenieurwesen und technische Analyse als Berufsfelder ein, in denen das Bild die Arbeit stützt.

Venus = Sonne/Mars. Freude oder Schönheit in der Integration von Ich und Behauptung. Häufig in Horoskopen von Performern, ästhetisch auftretenden Sportlern oder Partnern, die sich ohne Reibung in die Antriebskraft des Geborenen einfügen.

Jupiter = MC/AS. Expansion an der Schnittstelle von öffentlicher Rolle und privatem Ich. Die Halbsumme von MC und AS gilt als das äußere Profil der Persönlichkeit; Jupiter dort kennzeichnet den Geborenen als weithin sichtbar, optimistisch oder gut positioniert für Anerkennung.

Pluto = Sonne/Mond. Eine schwere oder transformierende Kraft auf die Persönlichkeit. Sowohl im Radix als auch im Ereignishoroskop signalisiert dies Material, das nicht an der Oberfläche bleiben kann; das bewusste und das gefühlte Ich werden von etwas umgeformt, das der Geborene kaum kontrollieren kann.

Kronos = Sonne/MC. Autorität auf der Identitäts-und-öffentliche-Rolle-Achse. Eines der häufiger zitierten hypothetischen Bilder: zeigt sich in Horoskopen von leitenden Führungskräften, Regierungsvertretern und anderen, die externe Autorität als persönliche Signatur tragen.

Hades = Merkur/Saturn. Dunkles oder verborgenes Material im Feld des strukturierten Denkens. Wittes Deutung schließt Vergangenheitsforschung, Archäologie und investigative Arbeit ein, die vom Aufdecken des Vergrabenen lebt.

Diese Bilder werden kombinatorisch gelesen. Ein Horoskop mit sowohl Saturn = Sonne/Mond als auch Hades = Merkur/Saturn trägt Beschränkung in der Persönlichkeit und dunkles Strukturmaterial im Denken; der Praktizierende liest beides zu einem kohärenten Gesamtbild zusammen, statt sie als separate Signale zu behandeln.

Warum bleibt die Hamburger Schule am Rand der modernen Praxis

Die Uranische Astrologie hat nie die Praktizierendenzahlen der psychologischen, evolutionären oder traditionellen Schulen erreicht. Die Gründe sind teils historisch, teils methodisch.

Die nationalsozialistische Unterdrückung der späten 1930er Jahre zerbrach das institutionelle Wachstum der Schule genau in dem Moment, in dem sich die psychologischen und evolutionären Schulen in den USA etablierten. Witte starb 1941; der Schwerpunkt der Schule verlagerte sich auf kleine überlebende Kreise in Hamburg und auf Emigranten in Amerika. Die Schule gewann nie mehr die verlegerische Reichweite der 1920er Jahre zurück.

Die methodischen Anforderungen sind real. Das vollständige Hamburger System verlangt Vertrautheit mit dem 90-Grad-Zifferblatt, Sicherheit im Umgang mit 8 zusätzlichen Körpern, deren Ephemeriden sich zwischen Auflagen leicht ändern, und die Bereitschaft, in formelhaften 3-Punkte-Bildern statt narrativ zu deuten. Die Lernkurve ist steiler als bei der psychologischen Astrologie, deren Vokabular sich direkt auf Alltagssprache abbildet. Die meisten heutigen Praktizierenden begegnen der Halbsummentechnik über Ebertin und bleiben dabei; die 8 Hypothetischen bleiben fremd.

Die Verfechter der Schule argumentieren, dass der Randstatus kein Urteil über die Methode ist. Hamburger Praktizierende, die die volle Arbeit leisten, berichten durchgehend von hoher Präzision bei Ereignis-Timing und bei der Radix-Deutung; die Kompaktheit des Systems ist es, die die Präzision erzeugt. Ob die 8 hypothetischen Körper in irgendeinem astronomischen Sinn „real" sind, ist aus dieser Perspektive irrelevant: Sie funktionieren als kalkulatorische Referenzpunkte genauso wie die Halbsummen selbst, und der Beweis liegt in der Horoskoplektüre.

Für Praktizierende, die das System evaluieren möchten, ist der Standardeinstieg: zunächst die Halbsummentechnik über Ebertin erlernen, die persönlichen Halbsummen (Sonne/Mond, AS/MC, Venus/Mars) einige Monate an Horoskopen erproben, die man gut kennt, und erst dann die Hypothetischen einzeln hinzufügen. Kronos und Hades sind typischerweise die ersten beiden; alle 8 vollständig zu integrieren dauert ein Jahr oder länger.

Literaturempfehlungen

Die Primärquellen, in der Reihenfolge ihrer Nützlichkeit für eine arbeitende Basis:

  • Alfred Witte, Regeln für Planetenbilder (Witte-Verlag, durchgehend lieferbar seit den späten 1920er Jahren). Der Gründungstext. Englische Übersetzungen variierender Qualität existieren; die deutschsprachige Witte-Verlag-Ausgabe ist die Referenz. Für die Bilddeutungen lesen; die Methodik ist in komprimierter Form dargelegt.
  • Reinhold Ebertin, Kombination der Gestirneinflüsse (COSI) (1940; englische Übersetzung 1972). Die Standardreferenz für Halbsummen. Die meisten arbeitenden Halbsummen-Astrologen nutzen COSI statt Witte direkt. Ebertins Deutungen sind knapp und klinisch.
  • Penelope Bertrand, zeitgenössische Schriften auf der Uranian Astrologer-Website und in Fachartikeln. Die prominenteste englischsprachige Trägerin der vollständigen Hamburger Methode in den 2020er Jahren.
  • Brummund und Rudolph, zeitgenössische deutsche Uranische Arbeit, erschienen beim Witte-Verlag. Weniger übersetzt, strenger, die lebendigste Fortsetzung der ursprünglichen Schule.
  • Michael Munkasey, Midpoints: Unleashing the Power of the Planets (1991). Moderne englischsprachige Referenz, die Halbsummendeutungen aus vielen Quellen verzeichnet, darunter Hamburger und Kosmobiologie-Lesarten.

Für Einsteiger in die Methode ist COSI der Standardeinstieg. Für das vollständige Hamburger System mit Hypothetischen ist Wittes Regeln auf Deutsch mit einem kompetenten Übersetzer unverzichtbar; die partiellen englischen Übersetzungen lassen zu viel aus. Der Witte-Verlag führt die Ephemeriden für die 8 hypothetischen Körper, falls Ihre Software diese nicht enthält.

Für einen Kontrast mit einer Schule, die dasselbe Außenplaneten-Gewicht sehr anders einsetzt, siehe evolutionäre Astrologie. Für den tiefenpsychologischen Ansatz, den die Hamburger Schule bewusst nicht verfolgt, siehe psychologische Astrologie. Viele Uranische Praktizierende kombinieren die Radix-Halbsummen mit dem Asteroiden-Rechner für Ceres, Pallas, Juno und Vesta sowie mit dem MC-Rechner für präzisere MC-Zifferblattarbeit. Das heliozentrische Horoskop-Tool gehört ebenfalls zum Hamburger Werkzeugkasten für das Timing langzyklischer Außenplaneten ohne lunare Störung.

uranische astrologie in Astrolium

Astrolium berechnet uranische astrologie in unter 300 ms und verknüpft die Ergebnisse mit Klientenprofilen. Kostenlos ausprobieren: Midpoint-Rechner.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Uranische Astrologie?
Uranische Astrologie, auch Hamburger Schule genannt, ist ein System des 20. Jahrhunderts, das Alfred Witte und Friedrich Sieggrun in Deutschland entwickelten. Es arbeitet mit Halbsummen, dem 90-Grad-Zifferblatt und 8 hypothetischen Planeten (Cupido, Hades, Zeus, Kronos, Apollon, Admetos, Vulkanus, Poseidon) und liest Horoskope durch Planetenbilder statt durch klassische Aspekte.
Sind die uranischen Planeten real?
Nein. Die 8 uranischen Körper (Cupido, Hades, Zeus, Kronos, Apollon, Admetos, Vulkanus, Poseidon) sind kalkulatorische Punkte, die Witte und Sieggrun empirisch ableiteten. Es handelt sich nicht um beobachtete Himmelskörper im Sonnensystem. Die moderne Astronomie hat kein Objekt an den vom Witte-Verlag publizierten Positionen bestätigt.
Wer gründete die Hamburger Schule?
Alfred Witte (1878–1941), Hamburger Landvermesser und Amateurastrologe, entwickelte das System zwischen 1913 und seinem Tod. Friedrich Sieggrun ergänzte weitere hypothetische Körper. Die Hamburger Schule wurde unter dem NS-Regime unterdrückt; Witte starb 1941 durch Suizid. Ludwig Rudolph baute die institutionelle Struktur nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf.
Was ist ein Halbsummen-Baum?
Ein Halbsummen-Baum ist eine strukturierte Liste aller Halbsummenachsen innerhalb des Orbis eines bestimmten Horoskoppunktes. Für die natale Venus zeigt der Baum jedes Planetenpaar, dessen Halbsumme innerhalb von etwa 1 Grad der Venus liegt. Er entspricht dem Aspektraster der klassischen Astrologie: Er zeigt, was diesen Punkt aktiviert.
Unterschied zwischen Uranischer Astrologie und Kosmobiologie?
Kosmobiologie ist Reinhold Ebertins vereinfachte Version der Hamburger Schule, ab 1928 veröffentlicht. Ebertin behielt die Halbsummentechnik und das 90-Grad-Zifferblatt, strich aber die 8 hypothetischen Planeten mit dem Argument, sie seien empirisch nicht haltbar. Beide Systeme teilen den Halbsummenkern und unterscheiden sich nur bei den Hypothetischen.

Weiterführende Lektüre

uranische astrologie in der Praxis anwenden

Astrolium erstellt das Horoskop, speichert Ihre Notizen und legt alles im Klientenprofil ab. Für 5 Klienten kostenlos.